Sonntag, 30. Mai 2010

Der Zauber von OZ...

...und die kleine Kostprobe, die wir davon genießen durften. Ein Roadtrip.


Samstag, 15. Mai

0 km
Es ist früh um 9 als wir uns auf den Weg zur WickedCamper-Filiale machen. Müde und voll beladen stapfen wir durch das zu dieser Zeit noch halbwegs leere Sydney und wissen, dass wir wohl angekommen sein müssen, als plötzlich auf beiden Straßenseiten eine Reihe besprayter Vans auftaucht. Ein Mädel in Hotpants mit verheulten Augen stellt uns unserem neuen Freund vor: Dem GuitarHero! Naja, vertrauenserweckend ist was anderes, aber wir freuen uns in erster Linie, dass er zumindest cool aussieht! Da jeder einzelne Campervan bei Wicked rein optisch ein Einzelstück ist, hätte es uns deutlich schlechter treffen können, wie wir später auf unserer Reihe noch des Öfteren feststellen dürfen. Ein kleiner Franzose erklärt uns schnell noch die Regeln: Nicht nach Einbruch der Dunkelheit fahren! Nicht unter Alkoholeinfluss fahren! Nicht unter Drogeneinfluss fahren! Nicht fahren, nachdem man Kekse von Fremden angenommen hat! Und immer hübsch regelmäßig Wasser und Öl checken!
Wir haben verstanden, steigen ein und los geht's... Und an dieser Stelle möchte ich mich nochmal gaaaaaanz doll bei Oli bedanken, der sich bereit erklärt hat, uns durch den chaotischen Großstadt-Linksverkehr zu manövrieren und es tatsächlich geschafft hat, uns dabei nicht umzubringen!
Dank der mehr oder minder nützlichen Karten und Pläne, die ich neben Salz, Pfeffer (man weiß ja nie) und noch n bisschen Bettzeug kurz vor der Abfahrt bei Wicked abgefasst habe (keine Sorge, nicht geklaut, haben andere Backpacker übrig gelassen), befinden wir uns nach einer überteuerten Tankfüllung und etwa 58 von Schweißausbrüchen und Herzrasen begleiteten Spurwechseln tatsächlich außerhalb von Sydney auf dem Pacific Highway in Richtung Norden!

131 km
Erster Stop: Swansea. In erster Linie, weil wir beide dringend eine frische, dampfende Dosis Koffein brauchen, und zweitens, weil ich der Meinung bin, dass eine Stadt, die an der Mündung eines riesigen Sees ins offene Meer (Nennt man das bei Seen auch Mündung?) liegt, ja vielleicht sehenswürdig sein könnte. Was soll ich sagen - der See stellt sich zwar auf Nachfrage bei der Touristeninformation als der größte Küstensee Australiens heraus, allerdings gestehen mir die netten Damen am Infoschalter gleichzeitig, dass die eigentlichen Sehenswürdigkeiten auf der anderen Seite des Lake Macquarie liegen. Es gäbe da zwar noch ein paar hübsche Felshöhlen am Meer, allerdings müssten wir uns noch etwa 5 Stunden gedulden, um die zu bestauen, weil sie leider nur bei Ebbe zugänglich sind...
Naja, Kaffee gibt's glücklicherweise trotzdem! Und außerdem ist es soweit: Klein-Steffi nimmt auf der Fahrerseite (rechts!!!) Platz.

294 km
Ich habe inzwischen etwas Zeit gehabt mich an den Linksverkehr zu gewöhnen und auch ich habe es geschafft uns dabei nicht umzubringen! Was mich allerdings echt verwirrt, ist die umgekehrte Anordnung sämtlicher um das Lenkrad befindlicher Schalter und Hebel. Und so habe ich, obwohl uns das Wetter bisher mit einem strahlend blauen Himmel beglückt, schon gefühlte 43 Mal (also bei fast jedem Abbiegen oder Spurwechsel) den Scheibenwischer betätigt - zu Olis Belustigung.
Glücklicherweise sind die Pedale aber genauso angeordnet wie in Deutschland und so holpern wir gerade in gemäßigtem Tempo seit etwa 15 Minuten über eine löchrige und schlammige Straße mitten durch den Küstenregenwald, als sich plötzlich das Paradies vor unseren Augen eröffnet: Seal Rocks. Bis zum historischen Leuchtturm, für den dieses kleine Fischerdorf eigentlich bekannt ist, kommen wir gar nicht. Stattdessen stolpern wir aus unserem GuitarHero direkt an den Strand und starren gebannt auf ein atemberaubendes Naturschauspiel aus sich inzwischen majestätisch auftürmenden Wolken über einer nebligen Bucht und schäumenden Wellen, die sich an dunklen Felsen brechen. Es steht fest: Wenn es einmal soweit sein sollte, dass wir der Welt den Rücken kehren müssen, dann werden wir hierher zurück kommen!


Noch ist es ja aber nicht ganz so weit. Stattdessen wird es langsam dunkel, da sich auch die warme australische Sonne im Spätherbst schon um 17 Uhr verabschiedet...
Also zurück über die Huckelpiste auf den Highway!

343 km
Wir haben unseren ersten Schlafplatz gefunden: Forster-Tuncurry, eine Zwillingsstadt am Übergang des Lake Wallis ins Meer, die im Sommer wohl scharenweise Touristen anzieht. Glücklicherweise ist ja grad keine Urlaubssaison mehr und so finden wir problemlos einen freien Parkplatz direkt am Meer und schlafen nach leckerem mexikanischen Abendessen und noch 'ner Runde lesen im schummrigen Licht der Straßenlaterne zum Klang der Wellen ein.
Und dann bin ich plötzlich wieder wach! Und verfluche das mickrige Fassungsvermögen meiner Blase... Nach einem Blick auf die Uhr steht fest: Ich muss wohl oder übel die Sicherheit unseres Vans verlassen. Wer mich kennt, weiß - ich bin ein absoluter Schisser, was das Sich-alleine-ins-Dunkle-wagen angeht. Aber blöderweise ist es erst halb 2 und ich würde schon ganz gern noch ein bisschen schlafen, was so leider absolut unmöglich ist. Also - bitte nicht lachen! - wecke ich den Oli und weise ihn an, sich gefälligst auf die Suche nach mir zu begeben, sollte ich in 5 Minuten nicht zurück sein. Dann stapfe ich zur öffentlichen Toilette, die - aaaahhhhh - anscheinend nachts abgeschlossen wird. Wie bitte??! Wildpinkeln in ausgerechnet dem Teil der Welt, der die giftigsten alle Tiere beherbergt, von denen ein Großteil am Boden rumkriecht und das mit Vorliebe nachts?! Also jetzt!?
Irgendwie überlebe ich dann doch und schaffe es ohne weitere Zwischenfälle zurück ins "Bett". Puh! Memo an mich selbst: In Zukunft ab fünf Uhr nachmittags das Trinken ausnahmslos einstellen!


Sonntag, 16. Mai

Entweder ich baue neuerdings laute Musik und kreischende Stimmen in meine Träume ein oder kurz nach meinem nächtlichen Kloabenteuer hat sich 'ne Gruppe Teenager spontan dazu entschlossen direkt neben unserem Van eine Strandparty steigen zu lassen...
Trotzdem halbwegs ausgeschlafen starten wir mit 'nem leckeren Kaffee am Strand in den Tag. Die erste Etappe übernimmt der Oli.

365 km
Auch der GuitarHero hat Hunger, was uns die erste Gelegenheit gibt Öl und Kühlwasser zu überprüfen. Und weil Motorhauben völlig überbewertet werden, klappen wir dazu einfach Beifahrersitz und Mittelkonsole hoch. Die Tatsache, dass wir am Wasserbehälter keinen Höhenstand entdecken können und den halben Inhalt einer Gießkanne durch den ollen, zuführenden Plastikschlauch fädeln müssen, bis dieser sichtbar wird, lässt uns dezent an der Zuverlässigkeit des Wicked-Personals zweifeln... Glücklicherweise sieht das beim Öl besser aus. Und hey, wir sind ja Profis! Die zum Glück von niemandem, der uns kennt, beobachtet werden... ;)

457 km
Zeit für's Frühstück - und was für eins! Auf einem Holzsteg in Port Macquarie - einem beschaulichen kleinen Küstenstädtchen für Touristen jenseits der Berufstätigkeit - etablieren wir DAS Frühstück des Urlaubs, wenn nicht sogar unserer gesamten Zeit hier in Australien. Es gibt Brötchen mit Avocado (und zwar so reif, dass man sie streichen kann - so kauft man hier nämlich seine Avocados, jederzeit und überall!) und Marmelade. Leggor!
Danach gehts am Strand entlang, der von bemalten Steinen gesäumt ist. Wir überlegen kurz irgendwo Farbe aufzutreiben und uns in die Reihe der "Kate-and-George-forever"-Poesie einzufügen, sind dann aber doch zu faul und entscheiden uns dazu, einfach Fotos zu machen, die später entsprechend zu bearbeiten und daheim einfach so zu tun, als hätten wir uns verewigt. Mal ehrlich, wer will das denn bitteschön nachprüfen?


627 km
Inzwischen steht es 12 : 19 zwischen Scheibenwischer (und nein, es regnet immernoch nicht) und Blinker - ich werde besser!
Stolz parke ich den GuitarHero in Coff's Harbour und wir spazieren an der Küste entlang in Richtung Muttonbird Island, Heimat einer seltenen Vogelart und Beginn des Solitary Island Marine Parks. Leider sind die Vögel schon unterwegs in ihr Winterquartier - 25°C sind schon echt frostig-, weshalb wir nur leere Erdlöcher, die wohl sonst von den Muttonbirds bewohnt werden, vorfinden. Macht aber nix, wir genießen die Aussicht!


Auf dem Rückweg ergibt sich überraschenderweise die Gelegenheit zum Duschen - oder so ähnlich... Leider muss ich nämlich eeeeeeeewig auf meinen Kaffee warten, so dass wir nacheinander heimlich aufs Klo verschwinden, um uns an winzigen Waschbecken wieder in halbwegs vorzeigbare menschliche Wesen zu verwandeln.
Auf dem Weg zurück zum Highway fahren wir an der "Riesigen Banane" vorbei, für die Coff's Harbour bekannt ist und die zu der Reihe an Betonskulpturen gehört, die über den gesamten Kontinent verteilt sind. Es gibt zum Beispiel wohl auch 'ne "Riesige Krabbe" und nen "Riesigen Bullen" - wo auch immer. Jedenfalls bin ich relativ sicher, dass sich zumindest im Falle der "Riesigen Banane" ein Mann den Namen einfallen lassen hat, falls ihr wisst, was ich damit meine... Gähn!

664 km
Ich zwinge Oli dazu, einen kurzen Halt in Woolgooga einzulegen, damit ich fix raushüpfen und 'nen Sikh-Tempel fotografieren kann. Und ja, ich geb's zu: War jetzt vielleicht nicht der aller wertvollste Beitrag zu unserer Reise. Aber dafür bin ich nicht Schuld an unserem nächsten Übernachtungsort. Den hat nämlich der Oli ausgesucht...

759 km
Willkommen in Maclean - "The Scottish town in Australia"! In Maclean gibt es... äh... nix! Ehrlich, ich würde ja gern mit spannenden Geschichten von Leuten, die in Kilts auf der Straße rumlaufen, sich Baumstämme zuwerfen und Dudelsack spielen, aufwarten - aber nichts dergleichen. Stattdessen flüchten wir ganz schnell wieder vom Supermarkt-Parkplatz, auf dem wir eigentlich die Nacht verbringen wollen, als Oli bei einem Blick über die kleine Mauer zwischen diesem und dem Flussufer den Treffpunkt der örtlichen anonymen Alkoholiker entdeckt. Wir entscheiden uns dazu unser Lager direkt neben Polizeistation und Court House aufzuschlagen - das erscheint uns halbwegs sicher!
Lobend erwähnt sei das leckere Essen im Maclean Hotel, das ich übrigens diesmal in weiser Voraussicht und im Bewusstsein der Abwesenheit einer öffentlichen Toilette in Sichtweite unseres Stellplatzes ohne jegliche Flüssigkeit zu mir nehme.
Bevor wir schlafen gehen, setzen wir uns zum Lesen vor das Court House - leider reicht im Gegensatz zum vorhergehenden Abend das Licht der Straßenlaternen nämlich nicht bis in den GuitarHero...



Montag, 17. Mai, 6 Uhr morgens

Ein neuer Tag bricht an - selbst in Maclean. Damit unserer Flucht auch wirklich nichts im Wege steht, klappen wir nochmal schnell der Beifahrersitz hoch und stellen sicher, dass wir noch genug Öl und Kühlwasser haben. Und dann nix wie weg. Wer braucht schon Frühstück?


813 km
Okay, ich geb's zu - so ganz ohne geht's dann doch nicht. In Woodburn genehmigen wir uns zumindest einen schnellen Kaffee. Übrigens den wohl schlechtesten in ganz Australien... Und das obwohl ich noch nie in meinem Leben besseren Kaffee als auf diesem Kontinent getrunken habe!

880 km
Wir kommen in Nimbin an. Dazu eine kleine Vorgeschichte: Irgendwann in den 70er Jahren hat eine Gruppe Hippies nach einem Musikfestival beschlossen, nicht wieder zurück nach Hause zu fahren, sondern einfach an Ort und Stelle zu bleiben und eine Stadt zu bauen, die ihnen ermöglicht ihren Hippietraum für unbestimmte Zeit weiterzuleben. Gesagt, getan! Das Ergebnis heißt Nimbin und zieht seit vielen Jahren jeden Backpacker an, der stolz eine Ausgabe des "LonelyPlanet" sein Eigen nennt. Es ranken sich Legenden um diesen Ort, nach welchen alle (!) immer (!) glücklich sind und so den ein oder andern Tipp auf Lager haben, wie man dem Glücksgefühl ein klein wenig auf die Sprünge helfen kann...


Aber weil Legenden nun mal nicht umsonst Legenden heißen, werden wir leider etwas enttäuscht. Statt der angekündigten Ömchen, die mit Blumen in den geflochtenen Zöpfen, lächelnd ihr Gebäck unter die Leute bringen, findem wir relativ viele traurige Gestalten vor, die so überhaupt nicht nach Love&Peace aussehen... Nun gut, ein Häkchen mehr auf der "To see-Liste" und auf in Richtung Tagesziel!

958 km
Jippie - wir sind in Byron Bay! Und nicht jippie - es regnet und die Campingplätze sind trotz Nebensaison ordentlich teuer! Trotzdem - die Sehnsucht nach 'ner Dusche siegt über den Geiz und weil wir jetzt so richtig in Spenderlaune sind, suchen wir uns den teuersten Platz aus, der aber dafür genau im Zentrum und direkt Strand am liegt.
Und als der Regen nachlässt, ist das genau der Ort, an dem wir den Tag ausklingen lassen...



Dienstag, 18. Mai

Wir starten den Tag mal wieder mit unserem legendären Avocado-Marmeladen-Frühstück in unserem Vorgarten - am Strand, hehe!
Und dann ist es soweit: Ich wage mich auf's Surfbrett. Also, ich sag's mal so: Ich stehe! Auf meinen Füßen! Ungefähr 3 oder 4 Mal! Aber so wirklich "cool" sieht das wohl eher nicht aus... Und irgendwie bin ich viel zu langsam! Eh ich so halbwegs aus der liegenden in die hockende, geschweige denn stehende Position komme, ist die blöde Welle schon längst unter mir durchgerollt. Also bin ich hauptsächlich damit beschäftigt loszupaddeln, sobald ich eine Welle kommen sehe, mich unter Aufwendung aller meiner Kräfte hochzustemmen (Memo an mich selbst Nr. 2: Vor dem nächsten Surfversuch unbedingt Liegestütze trainieren!), um dann auf allen Vieren auf der Welle in Richtung Ufer getragen und letztendlich in der Brandung vom Brett gespült zu werden. Trotz meines begrenzten Erfolges habe ich aber tatsächlich so viel Spaß dran, dass ich garnicht merke, dass meine Knie wohl etwas in Mitleidenschaft gezogen werden. Als ich nach der ganzen Aktion erschöpft am Strand sitze und in der Sonne trockne, wundere ich mich, was da auf einmal so brennt und meine leuchtend roten Knie liefern mir die Antwort. Ups!


Oli ist zu diesem Zeitpunkt immernoch im Wasser und stellt sich echt - soweit ich das beurteilen kann - garnicht mal so schlecht an!


Mittwoch, 19. Mai

Einerseits um meine Knie zu schonen und andererseits um auch wirklich alle Aspekte des Meeres voll auszukosten, entscheide ich mich für einen Tag unter Wasser.
Morgens um halb 9 komme ich in der Tauchschule an und treffe dort Liz, die mir beibringen will, wie man trotz fehlender Kiemen unterhalb der Wasseroberfläche atmet, und Chris aus Brisbane, der zwar seine eigene Ausrüstung mitbringt, diese aber seit 10 Jahren nicht benutzt hat. Zuerst gibt's ein bisschen Theorie, dann quetschen wir uns in die Wetsuits, schnallen Flossen, Gewichtgürtel und Luftflaschen an (Boah, ist das schwer!) und ab geht's für ein paar Proberunden in den Pool. Aaaah! Kalt! Hilfe, Mama! Schnell bewegen... Erstmal sinke ich auf den Boden des Beckens und bleibe da kleben. Wohl doch zu viele Timtams gegessen. Dank Liz, die die richtigen Knöpfe zu drücken weiß, mit denen man Luft in 'nen speziellen Schlauch am Anzug lässt, die einem ein bisschen mehr Auftrieb verleiht, schaffe ich es letztendlich doch vom Fleck zu kommen und mich ans Atmen durch das komische Teil, auf das ich beiße, zu gewöhnen.
Die Zeit bis zur Abfahrt in Richtung Strand vertreibe ich mir unter der heißen Dusche. Dann geht's los. Wir teilen uns das Boot mit dem Captain sowie 10 erfahrenen Tauchern und hüpfen über die Wellen vom Cape Byron zum Julian Rocks Marine Park. Und plötzlich lasse ich mich auch schon nach hinten kippen und lande im Meer. An einem Seil hangeln wir uns Stück für Stück - zwischendurch immer hübsch Nase zuhalten und dagegen pusten, um den Druck auszugleichen - nach unten.
Ich kann garnicht sagen, wie toll das ist! Um mich herum - 12 Meter unter dem Meeresspiegel zwischen Felsen und Korallen - schwimmen Fische in allen Größen und Farben, einzeln und in glitzernden Schwärmen, knallbunt oder leuchtend blau. Unter mir taucht plötzlich eine riesige Schildkröte auf, etwas weiter drüben schlummert ein Leopardenhai, der mindestens so groß ist wie ich, ein weiterer schwimmt an uns vorbei. Über uns hinweg ziehen Mantarochen und Adlerrochen und ich sehe weit über mir die Regentropfen ins Meer eintauchen...
Und auf einmal sind 45 Minuten vorüber und ich muss zurück an Land... Drei heiße Duschen später taumele ich - immernoch völlig überwältigt - zurück zu Oli, der die Zeit bis zum Regen genutzt hat, um seine Surfskills (toller Ausdruck!) zu verbessern.
Dummerweise zwingt uns das Wetter dazu den Rest des Tages im GuitarHero zu verbringen. Also stopfen wir uns mit leckerer Pizza voll, fügen uns unserem Schicksal und ich träume davon, mit der kleinen Meerjungfrau zu tauschen...


Donnerstag, 20. Mai

Sonne, jaaaaaaaa! Und zwar den ganzen Tag! So wie sich das gehört.
Wir liegen am Strand und tanken Sonne und zwar so viel und so lange, dass ich mir zurück in Sydney von den Ärzten auf meiner Station erklären lassen muss, dass man normalerweise selbst in Australien im Winter gefälligst nicht braun zu werden hat... :)
Nach einem Strandspaziergang zum Cape Byron und zurück, bei dem wir mal wieder einen malerischen Sonnenuntergang bewundern dürfen, genieße ich die besten Fish'n'Chips meines Lebens. Und dazu die Seeluft, das Rauschen der Wellen und eine Flasche Wein. Ach ja, PJ ist schon stressig...


Freitag, 21. Mai

Um auch ja alle Klischees, mit denen Byron Bay sich schmückt, auszukosten, mache ich mich auf den Weg zu einer Yogaschule direkt am Strand. Leider führt die Tatsache, das Nebensaison ist (normalerweise großartig, weil man den Ort dann nicht mit Heerscharen nerviger Touristen teilen muss), dazu, dass ich die einzige Interessierte bin. Also beschließt Izam, der Yogalehrer, die Stunde ausfallen zu lassen und erzählt mir stattdessen, dass der Strand in Byron etwa 5 mal im Jahr gesperrt wird, weil Haie (Also gefährliche! Solche, die unter Umständen auch mal Mensch kosten wollen) gesichtet werden, es aber nur ungefähr einmal in 5 Jahren zu "Zwischenfällen" kommt. Wie beruhigend!
Ausgerüstet mit zwei Bechern Kaffee, hole ich den Oli ab und wir machen uns auf den Weg durch den Nieselregen zum Leuchtturm ganz in der Nähe des östlichsten Punktes auf dem australischen Festland.


Und auch hier werden wir wieder grandios unterhalten. Erst entdecken wir unter uns eine Schildkröte, die scheinbar in Zeitlupe ganz dicht unter der Wasseroberfläche entlangpaddelt. Dann fliegt ein Adler vorbei und kurz bevor wir uns auf den Rückweg machen wollen, lässt sich auch noch eine Gruppe Delfine blicken. Das, meine Damen und Herren, ist Australien!


Samstag, 22. Mai

Oh nein! Wir müssen weiter! Wie schade - an das entspannte Leben in Byron Bay kann man sich tatsächlich gewöhnen... Wir zelebrieren ein letztes Frühstück am Strand, satteln den GuitarHero und machen uns auf den Weg nach Norden.

1032 km
In Tweed Heads holen wir nach, wofür wir in Byron Bay zu entspannt, bequem, faul oder was auch immer waren. Nach einiger Suche finden wir die passende Kulisse und halten die innige Freundschaft zu unserem treuen Begleiter-Transportmittel-Bett-Wohnzimmer-BackpackerMustHave-in-einem bildlich fest. Und ja, es stimmt: Das ist sowas von Klischee! :)

1141 km
Wir entern Queensland, den zweiten australischen Bundesstaat auf unserer Reise und sind gespannt auf seine Bewohner. Von Bill Bryson als "verrückt wie ein Sack kastrierter Schlangen" beschrieben, scheinen sie wohl etwas speziell zu sein...
In Brisbane verabschieden wir uns tränenreich vom GuitarHero, gedenken weniger angetan der im Laufe der Zeit immer feuchter und muffiger gewordenen Matratzen und des heimeligen Schnurrens des Motors, das Gespräche bei Geschwindigkeiten jenseits der 80 km/h schier unmöglich gemacht hat, verewigen uns im Inneren des Vans und starten zu einer Tour durch die Hauptstadt Queenslands.
Nachdem wir endlich unser Gepäck losgeworden sind, bleiben uns etwa 3 Stunden, bevor wir uns auf den Weg zum Flughafen machen müssen. Brisbane glänzt vor allem durch sein Kunst-und-Kultur-Viertel am südlichen Ufer des Brisbane River. Abgesehen davon haut es uns jetzt ehrlich gesagt nicht sooo sehr vom Hocker - Großstadt, Wolkenkratzer, Shoppingmeile, Parkanlagen, Unigelände, Flussufer, Brücken.
Und spätestens nachdem wir in der Metro auf dem Weg zum Flughafen ein paar Einheimische aus nächster Nähe getroffen haben, sind wir einstimmig froh, dass es uns zum PJ nach Sydney verschlagen hat. Bill Bryson hat ja sowas von Recht!

2511 km
Melbourne, Victoria - da sind wir! Ein nächtlicher Spaziergang durch den Central Business District zu unserem Hotel weckt spontane Sympathien für diese Stadt, die als die "europäischste" unter den australischen Metropolen gilt.
Und endlich wartet - neben Luxusgütern wie Flatscreen im Zimmer sowie Fitnessraum und hoteleigenes Kino - wieder ein trockenes Bett auf uns (und zwar für jeden von uns ein eigenes!), in das wir uns schließlich kurz nach Mitternacht erschöpft fallen lassen.


Sonntag, 23. Mai

Die Woche im Schimmelbett unter einer gemeinsamen Decke scheint uns wohl mehr zusammen geschweißt zu haben als erwartet - trotz optimaler Ausgangsbedingungen haben wir beide schrecklich schlecht geschlafen. Gefroren haben wir auch! So ohne den Rücken des jeweils anderen zum Aufwärmen...
Die Neugierde treibt uns dann aber doch aus dem Bett und wir machen uns auf nach St Kilda, einem Stadtteil südlich des durch Melbourne fließenden Yarra Rivers. Unterwegs durchqueren wir das Zentrum, legen die Köpfe in den Nacken und freuen uns wie die Kleinkinder über die Art und Weise, wie die Stadt es schafft alt ehrwürdige Gebäude (so alt Bauwerke in Australien eben sein können...) mit moderner und mutiger Architektur zu kombinieren, ohne dass das Ganze aufdringlich oder aufgesetzt wirkt!
Auch hier gibt es unglaublich leckeren Kaffee an jeder Ecke - den ersten des Tages serviert uns ein gut gelaunter Aussie, der aussieht, als hätte er am Abend zuvor erst 'nen Auftritt mit seiner Rockband gehabt. Momentan steht er glücklicherweise nicht auf einer Bühne, sondern neben seinem zum mobilen Café umgerüsteten Bulli vor der "National Gallery of Victoria" und versorgt fröhlich pfeifend Koffeinjunkies wie uns!
Schließlich kommen wir im Hafenviertel St Kilda an, spazieren am Strand entlang und treffen am extra für die Olympischen Spiele 1956 errichteten Damm einen einheimischen Pinguin, schwarze Schwäne und fast ebenso dunkle, halbnackte betagte Angler.


Durch belebte Straßen voll von unheimlich gut aussehenden Menschen geht es weiter bis ins jüdische Viertel und in Schlangenlinien zu dem Teil der Stadt, der laut LonelyPlanet den Schönen und Reichen vorbehalten ist. Wir stellen fest, dass wir tatsächlichen den gleichen Männergeschmack zu haben scheinen und während wir so viel miteinander reden, wie insgesamt während der kompletten letzten Woche nicht, überqueren wir den Yarra River und landen in Richmond, dem asiatischen Viertel Melbournes. Weil unsere Füße sich inzwischen in einem Zustand irgendwo zwischen brennend, taub und blutig befinden und wir feststellen, dass wir unheimlich lange nix Essbarem begegnet sind, landen wir mal wieder in einem Thairestaurant. Beflügelt von Red Curry und Satay Gemüse entschließen wir uns dazu, unseren Füßen doch noch ein paar Meter abzuverlangen.
Zurück im Hotel dienen ein Stadtplan und Olis iPod-Kabel dazu unseren Marathon zu rekonstruieren. Und mit etwa 31 km sind wir da wohl ziemlich nah dran...


Montag, 24. Mai

Aua! Was ist das denn da am unteren Ende meines Körpers und warum sticht da jemand tausend rostige Nägel auf einmal rein? Wir haben es wohl doch ein bisschen übertrieben.
Besserung gelobend stecken wir uns diesmal bescheidenere Ziele in kürzerer Entfernung - und werden leider enttäuscht! Ausgerechnet jetzt hat sich das ACCA (kurz für Australian Center for Contemporary Art) dazu entschieden ein Päuschen einzulegen und rund um erneuert zu werden...
Also doch in die National Gallery of Victoria.


Durch die Anwesenheit viel zu lauter 13jähriger Schulmädchen, die komischerweise jedes australische Museum einmal am Tag aushalten muss und die ein geheimnisvolles Gespür dafür zu haben scheinen, ihre Rundgänge immer genau auf meine Route abzustimmen, werde ich wieder einmal gezwungen mich grummelnd mittels iPod von meiner Umwelt abzuschirmen. Noch dazu ist mein Fußweh weit davon entfernt als toleranzförderlich bezeichnet zu werden... Und außerdem hab ich Hunger!
Also flüchten wir vor der Schulklasse ins nächste Café und setzen den Kulturtag am Federal Square fort. Gegenüber der berühmten Flinders Street Station steht dort das ACMI (Australian Centre for the Moving Image), das inmitten anderer Museumsbauten schon von außen unheimlich sehenswert ist.


Im Inneren erwartet uns eine interaktive Ausstellung rund um Film, Fernsehen, Videospiele und Co. Mein Highlight sind allerdings Mary und Max (www.maryandmax.com) - die Protagonisten eines australischen Stop-Motion-Movies, denen die aktuelle Sonderausstellung des ACMI gewidmet ist. Das Tolle ist, dass der Film nicht am Computer entstanden ist, sondern jede einzelne Kulisse und Figur liebevollst per Hand hergestellt wurde und es über ein Jahr gedauert hat, alle einzelnen Fotos zu schießen, die dann sozusagen wie die moderne Version des guten, alten Daumenkinos den fertigen Film ausmachen. Die Geschichte handelt von der Brieffreundschaft zwischen Mary Dinkle - einer Achtjährigen, die furchtbar einsam ist und mit ihrer trinkenden, rauchenden Mutter und dem depressiven, Vögel ausstopfenden Vater in Australien lebt - und Max Horowitz - einem übergewichtigen, jüdischen New Yorker mit Asperger Syndrom, der mindestens genauso einsam ist. Traurig, lustig und rührend zugleich - ich kann's kaum erwarten, mir zurück in Deutschland den kompletten Film anzuschauen!


Dienstag, 25. Mai

Es regnet! Und zwar fast den ganzen Tag! Dafür haben sich unsere Füße wieder halbwegs erholt und wir nehmen uns vor, den letzten Tag unserer Reise dafür zu nutzen, jedes letzte bisschen von Melbourne aufzusaugen, was uns bisher entgangen ist.
Den Anfang machen die Queen Victoria Markets - von Bio-Obst und Gemüse über Fisch, Fleisch und Delikatessen bis hin zu Lederjacken, winzigen Leierkästen und Plüschkoalas, gibt es hier alles, was das Herz begehrt.
Einmal nördlich des CBD, laufen wir trotz des inzwischen einsetzenden Regens, der sich als ziemlich hartnäckig erweisen soll, weiter und als wir eine Trattoria nach der anderen passieren und Cafés entdecken, in denen die Kaffeebohnen noch von Hand gemahlen werden, wissen wir, dass wir wohl im italienisch dominierten Carlton angekommen sein müssen.
Weiter geht es nach Fitzroy, dessen stylische Klamottenläden es relativ schnell schaffen mir ein bisschen (viel) Geld aus der Tasche zu ziehen.
Vorbei am Parlament und den Federation Bells, die normalerweise mitten in einem Park Musik spielen, leider aber ausgerechnet 10 Minuten vor unserer Ankunft ein Mittagspäuschen von 3 Stunden einlegen mussten (mmpf!), geht es zu den Docklands, dem ehemaligen Handelshafen Melbournes. Und auch hier finden wir wieder die einzigartige Kombination scheinbarer Gegensätze vor - alte Industriegebäude, Lagerhäuser und Holzstege bilden die Kulisse für Kühe in Baumkronen und Krokodile aus alten Plastiksäcken als Teil eines Projektes der örtlichen Kunsthochschule.

Es steht fest: Melbourne rockt!


Mittwoch, 26. Mai

Mit schwerem Gepäck und schweren Herzen machen wir uns auf den Weg zum Flughafen. Die Zeit ist viel zu schnell vorbei gegangen...

3224 km
Sydney hat uns wieder! Während es hier wahre Sturzbäche regnet, die es tatsächlich schaffen, nicht nur auch den Rest unserer Klamotten, die die tropische Luftfeuchtigkeit im Inneren unseres GuitarHeros überstanden haben, völlig zu durchnässen, sondern auch noch unsere Regenschirme heimtückisch zu ermorden, sind wir in Gedanken noch ganz weit weg...


Innerhalb von nicht einmal zwei Wochen haben wir:

1. drei - und damit die Hälfte - der australischen Bundesstaaten inklusive ihrer Hauptstädte bereist,
2. gelernt, dass wir beide unheimlich viel Zeit mit unheimlich wenig Worten füllen können,
3. festgestellt, dass wir fremde Menschen hauptsächlich anstrengend finden (wobei ich mir da noch nicht abschließend sicher bin, ob Oli in dem Fall ansteckend oder aufdeckend wirkt - falls letzteres der Fall sein sollte: Wie habe ich es bitte so lange geschafft, so zu tun als wäre ich tolerant, während eigentlich ein fieser, kleiner Misanthrop in mir steckt?),
4. diverse kulinarische Vorlieben und bisher unbekannte sportliche Talente an uns entdeckt
und
5. uns unsterblich verliebt...

... in ein Land, das atemberaubend schön, unglaublich vielseitig, geheimnisvoll und auf dieser Welt einfach einmalig ist.

In ein Land namens Oz!

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