Samstag, 21. August 2010

Vikinggraver, rullestein, skålesang og død gris

Der Sommer neigt sich so laaaaangsam dem Ende entgegen. Noch kann man gut in kurzen Sachen draußen herumspazieren, aber weil das eben nicht unendlich so weitergehen wird, muss jeder Sonnenstrahl genutzt werden. Also hieß er für Iselin und mich letzten Sonntag: Ab ans Meer! Und es hat sich mal wieder erwiesen: Wer mit Einheimischen unterwegs ist, ist eindeutig im Vorteil!
Zuerst sind wir auf alten Wikingergräbern - großen Steinhaufen am Strand - herumgeklettert. Gar nicht so leicht übrigens mit FlipFlops... Dann haben wir 'ne ganze Weile am Wasser gesessen und dem Geräusch der Wellen gelauscht, die an den rullestein gebrochen sind. Unglaublich schön!
Gestärkt mit Eis sowie Brom-, Blau-, Himbeeren und Haselnüssen, die uns überall vom Wegesrand her angelächelt haben, ging's dann an den nächsten Strand, von dem aus man übrigens den Skærgård gesehen hat, in dem ich am Wochenende davor mit Omi und Opi unterwegs war. Dort haben wir einen Teil von Iselins Familie getroffen und dann in alter norwegischer Tradition stundenlang auf den Felsen gehockt, Miesmuscheln aufgeknackt und wieder ins flache Wasser gelegt. Sinn des Spiels: kleine Krebse anlocken und die dann aus dem Wasser fischen. Echt unglaublich, wie lange man sich mit sowas beschäftigen kann. Und was man dabei nicht alles noch so tolles im Meer findet. Wusste bisher ja gar nicht, dass es man gar nicht auf das nächste Amazonpaket warten muss, um sich wie ein Kleinkind drüber zu freuen die Luftkammerdingsbumse des Verpackungsmaterials zwischen den Fingern platzen zu lassen... Ab ans Meer! Mit sogenanntem bobletang funktioniert das genauso und das auch noch biologisch abbaubar! :) Noch ein Grund mehr für mich ans Meer zu ziehen, wenn ich groß bin!





Das Ende der Sommerzeit hat im Übrigen nicht ausschließlich Nachteile. So flattern nämlich so langsam alle Norweger wieder zu Hause ein und der - äh - Ernst des Lebens geht wieder los. Und mit ihm das Wintersemester an der Uni in Porsgrunn, das mit einer Eröffnungswoche für die neuen Studenten eingeleitet wird. Naja, bei mir neigt sich das Studium zwar so langsam dem Ende entgegen, aber hey - weiß ja keiner! Also haben Iselin und ich unter die Erstis gemischt... Das Ergebnis: ein sehr lustiger Abend mit Livemusik, für norwegische Verhältnisse freundlichen Getränkepreisen, Batman und seinen Freunden und der Erkenntnis, das Plauener auch nach 7 Jahren in Norwegen ihr Sächsisch nicht verlernen!


Vi skåler for våre venner
Og de som vi kjenner
Og de som vi ikke kjenner
De driter vi i!

Vi drikker for å bli fulle
Og fulle det blir vi
Og blir vi ikke fulle
Så drikker vi mer!

Ogggggggså havner vi på fyllefest igjen
Hei skål!!!



Außerdem haben am Montag die neuen turnuslege ihren Dienst angetreten und mit ihnen sind auch gute alte Freizeitbeschäftigungen nach Skien zurückgekehrt, wie beispielsweise das regelmäßige torsdagspils - also "Donnerstagsbier":


Außerdem wurden fleißig Pläne geschmiedet: Volleyball, Einzugsfeiern, norwegisches Oktoberfest (wobei der Vorschlag von 'nem Schweden kam, der aber sogar eigene Lederhosen besitzt - mit Stolz!). Bin mal sehr gespannt, wieviel davon wirklich passiert, bis ich wieder abreise. Ist ja gar nicht mehr so lange...


An der Schleuse


Industriechic statt Natur pur - Norwegen kann auch anders



Seit 9 Wochen bin ich inzwischen hier und nach der Notaufnahme und der Plastischen Chirurgie, habe ich mich während der letzten 3 Wochen in der Gastrochirurgie getummelt. Ab Montag geht's dann in die Orthopädie und Unfallchirurgie. Das bedeutet für mich übrigens nicht nur Knochen sägen und Schrauben festziehen, sondern auch noch 'ne halbe Stunde eher aufstehen... Zum Abschied von den Weichteilen gab's aber - wie es der Zufall und der glückliche Stern, unter dem ich geboren wurde, so wollen - noch etwas ganz Feines: Einen Naht- und Laparoskopiekurs für die gesamte Abteilung! Morgens wurde nur schnell aus dem Dienst berichtet, die Visite und Röntgenbesprechung durchgezogen und ab 9 Uhr saßen dann alle Ärzte und OP-Schwestern bei Kaffee im Konferenzraum und haben sich von 3 netten rundlichen Herren etwas über die neueste Technik erzählen lassen. Halb 12 gab's dann Pizza für alle und dann hieß es: praktisch üben! Auf die Frage, ob ich denn da auch mitkommen könnte, meinte der Chefarzt übrigens: "Natürlich! Du bist doch ein vollwertiges Mitglied des Teams- auch wenn du nur Hospitant bist!" Äh, ja... Na dann - ab durch die unterirdischen Gänge des Krankenhauses, der Ausschilderung nach (kapelle - den Zusammenhang hab ich auch nicht so ganz verstanden...) und rein ins Vergnügen: den Obduktionssaal der Pathologie.
Ausgestattet mit 3 Laparoskopiestationen, den verschiedensten automatischen Nahtgeräten, konventionellem Nahtmaterial und 2 Kühlboxen voller Organe. Schwein sei Dank!


Nein, auch wenn es so aussieht - das sind keine Fleischer!


Meine erste (und wahrscheinlich einzige) Darmanastomose!

Der Praxistest: Wasser Marsch! - Anastomose dicht! :)


Der absolute Höhepunkt: eine laparoskopische Cholecystektomie! Und das sogar echt schnell und trotzdem ohne die Gallenblase zu perforieren - meiner PlayStation sei Dank!

Vorher...

... und nachher:

Ganze 3 Stunden später hab ich mich dann auf den Heimweg gemacht und mir ist die Euphorie wahrscheinlich nur so aus dem Gesicht gesprungen! Das war wie ein Abenteuerspielplatz für Möchtegern-Chirurgen! Groooooooßartig!


Na und jetzt bin ich mal gespannt, was die Orthopäden so zu bieten haben. Nach 4 Wochen dort geht es für die letzten 3 Wochen dann in die Urologie. Dahin hab ich am Donnerstag schon mal einen kleinen Abstecher gemacht und einem der Uro-Oberärzte einer Meatusplastik (Erweiterung des Harnröhrenausgangs) assistiert und danach den Katheter gelegt - diesmal ohne zu doll zu ziehen... ;) Der Operateur hat mich dann gleich gefragt, ob ich nicht Urologe werden wolle. Äähhh, mal sehen...



Samstag, 14. August 2010

Chirurgie auf Norwegisch

Nach dem gestrigen Tag ist es an der Zeit für einen kleinen Exkurs in den Alltag norwegischer Viszeralchirurgen...

Ganz allgemein gesagt: Denen geht es verdammt gut! Hat man als Assistenzarzt Dienst, ist man vor allem für Konsile und Notaufnahme zuständig. Letztere wird aber in erster Linie von einem der Turnuslege abgedeckt, die den diensthabenden Chirurgen erst anrufen, wenn der Patient komplett befragt und untersucht ist und die ersten diagnostischen Maßnahmen eingeleitet wurden, um zu fragen, was vielleicht noch fehlt bzw. ob der Patient stationär aufgenommen werden soll. Spannend wird's, wenn Traumaalarm ist - dann muss man so schnell wie möglich in die Notaufnahme und wartet zusammen mit dem Anästhesisten, Orthopäden, OP-/Anästhesie-/Notaufnahmeschwestern usw. auf einen mehr oder weniger Schwerverletzten, um den dann so schnell wie möglich zu versorgen. Alle anderen Patienten guckt man sich im Laufe des Dienstes an, wenn es gerade passt. Sind spontan OPs nötig, so ist man selbst der Operateur. Pünktlich um 15.30 Uhr kommt der Nachtdienst und nach der Übergabe heißt es pünktlich um 16 Uhr: Ab nach Hause!
Diejenigen Assistenzärzte, die keinen Dienst haben, können zum Teil noch eher gehen - sobald die Stationsarbeit getan und der OP-Plan erfüllt ist.

Apropos OP... Ich weiß jetzt nicht so ganz genau, wie das in Deutschland funktioniert, aber ich hab so den Eindruck, dass die Assistenzärzte hier relativ schnell ganz gut was lernen. Wer 6 Monate dabei ist, macht selbstständig laparoskopische Appendektomien - unabhängig davon, ob derjenige, der dabei assistiert, mehr oder weniger Erfahrung darin hat.
Und nach spätestens 2 Jahren kann man auch Gallenblasen auf die gleiche Weise entfernen - gerne auch mit 'nem 29. Woche - Schwangerschaftsbauch. Zumindest was das angeht, bin ich mir relativ sicher, dass die meisten Chefs in Deutschland ihre schwangeren Angestellten ganz gern so weit wie möglich vom OP entfernt halten. Hier operiert man bis zur Entbindung, wenn man das möchte.

Man sieht also: Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit wird hier ganz groß geschrieben. Den endgültigen Beweis dafür gab's am Freitag...

Gegen Mittag hieß es, da wäre ein Patient auf der Intensivstation, dessen fiese Darmentzündung bisher von den Internisten behandelt wurde, der jetzt aber seit 'ner ganzen Weile blutet und immer instabiler wird... Also - OP!
Am Tisch:
  • Oberarzt A - hat das ganze Wochenende Bereitschaftsdienst, geht also Freitag Nachmittag nach Hause und wird wieder in die Klinik bestellt, wenn der Assistenzarzt allein nicht weiterkommt
  • Oberarzt B - will pünktlich (also gegen 15 Uhr...) nach Hause gehen, weil er mit seiner Frau einen Wochenendausflug geplant hat
  • Assistenzart - diensthabend
  • 2 OP-Schwestern (weil's dem Patienten so schlecht geht und die OP kompliziert werden könnte, steht der Schülerin eine erfahrenere Schwester zur Seite)
  • Klein-Steffi - gespannt darauf, wie das Ganze wohl ausgehen mag, und mit einem merkwürdigen Gefühl im Bauch, weil der Vorname dieses furchtbar kranken Patienten vor ihr eine Kombination aus den Namen ihres Vaters und eines ihrer Brüder ist
Die OP geht los - zur Enttäuschung von Oberarzt B noch bevor er dazu gekommen ist, sich eine frische Waffel einzuverleiben. Freitags ist nämlich nach wie vor Waffeltag im OP-Trakt. Im Aufenthaltsraum steht eine Schüssel voller Teig und ein Waffeleisen und jeder, der mag, bedient sich.
Relativ bald muss der Assistenzarzt weg, weil die Notaufnahme ruft und ich fühle mich endlich etwas nützlich und nicht nur wie ein neugieriger Zuschauer.
Nach etwa einer Stunde kommt eine Schwester rein und richtet sich an Oberarzt A: "Du, deine Frau hat angerufen. Die ist ganz plötzlich krank geworden und braucht Hilfe zu Hause mit den Kindern." Ich möchte an dieser Stelle nochmal dran erinnern, dass Oberarzt A nicht nur Dienst hat, sondern seine Hände außerdem gerade im Bauch eines Patienten stecken, dessen kompletter Dickdarm entfernt werden muss... Und was passiert? Oberarzt A verlässt den OP-Tisch (stattdessen wird der Assistenzarzt wieder rangeholt) und beschließt nach einem kurzen Telefonat mit seiner Frau, mal schnell nach Hause zu dieser und den 4 Kindern zu fahren und später zurück zu kommen, falls er dann noch (oder wieder) gebraucht wird.
Noch eine Stunde später, fällt Oberarzt B auf, dass er die Verabredung mit seiner Frau wohl nicht ganz einhalten kann und bittet eine Schwester, doch bitte mal zu Hause anzurufen und Bescheid zu geben. Außerdem macht er sich Sorgen, ob denn nach der OP noch Waffeln übrig seien... Und er habe ja auch überhaupt noch kein Mittag gegessen (stimmt nicht- hab genau gesehen, wie er vor der OP in der Stationsküche 2 belegte Brote geklaut hat). Und was machen die lieben OP-Schwestern da (also die, die nicht steril am Tisch stehen, sondern zusätzlich im OP-Saal sind)? Bringen nicht nur den bei OPs über 2 Stunden obligatorischen, eisgekühlten Saft, der dann per Strohhalm allen am Tisch (also auch den kleinen PJlern) gereicht wird, sondern auch noch 2 Teller mit Waffeln, die sie dem armen hungrigen Oberarzt am Mundschutz vorbei füttern. Im OP-Saal! Und fragen auch noch alle anderen (also auch den kleinen PJler), wer denn noch gerne eine Waffel hätte...

Und am Ende des Tages (also pünktlich um halb 4 nachmittags):

OP - vorbei,

Patient - am Leben,

Chirurg - glücklich!

Montag, 9. August 2010

♫♪ det er sommertid ♫♪

Inzwischen ist schon wieder fast Halbzeit. Heute in genau 8 Wochen kommt mein Mamilein hier an und stellt zusammen mit Bjarne sicher, dass ich auch wirklich mit zurück nach Dresden komme... ;) Und wäre ich vor lauter Freizeit schon eifrig Pläne für unseren Trip nach Bergen schmiede, neigt sich die Sommerzeit und mit ihr lavdrift (wörtlich übersetzt "Niedrigbetrieb") im Krankenhaus so langsam dem Ende entgegen. Ab nächster Woche werden neue Turnusärzte erwartet und damit wird wohl auch das Leben hier in Skien wieder etwas "lebhafter".

Während der letzten Wochen haben mich meine Besucher aus Deutschland mit 'nem ausgefüllten Freizeitprogramm versorgt.

Nachdem Clara abgereist stand für mich zunächst erstmal "lost in translation" auf dem Programm. Naja, das stimmt nicht ganz. Eigentlich hat das schon ein bisschen eher angefangen. Zum einen habe ich ja mit Clara Deutsch gesprochen, im Krankenhaus und mit Iselin Norwegisch und sobald Iselin und Clara gleichzeitig zur Stelle waren Englisch. War wohl ein bisschen viel für mich... Und so kam es bei hohen Sprachwechselfrequenzen (z.B. wir kochen zu dritt, erst geht Clara aus der Küche und Iselin und ich wechseln auf Norwegisch, dann kommt Clara zurück - 5 Sätze Englisch - Iselin geht raus) immer mal vor, dass ich Clara irgendwas erzählt hab und sie mich nur verständnislos angeschaut hat...
Zum anderen bin ich für 3 Wochen in die Plastische Chirurgie rotiert. Von 6 Assistenzärzten dort, kommt genau einer aus Norwegen, war aber dank Sommerferien die ganze Zeit nicht da. Der Rest spricht größtenteils Schwedisch, kommt aber u.a. aus Dänemark, Chile, Serbien, Kroatien und dem Iran. Das Chaos gipfelte dann an meinem letzten Tag dort darin, dass ich mit dem in Chile geborenen, in Dänemark aufgewachsenen, in Schweden lebenden Assistenzarzt Christian und dem frisch aus dem Urlaub zurückgekehrten Isländer Gudjon, der für lange Zeit in Dänemark gelebt hat, am OP-Tisch stand und meine Aushilfs-Norwegisch-Kenntnisse mit Christians Dänisch und Gudjons Isländisch-Dänisch-Mischung mit eingemischten norwegischen Worten (der Verständlichkeit wegen...) konfrontiert wurden. Uff!

Entspannung war aber in Sicht: Franzi hat sich auf die lange Reise in den hohen Norden gemacht und mir ein wundervolles Wochenende beschert.
In den Hauptrollen:

Die richtige Kulisse ...

...für ausführliche Mädchengespräche, ...

... ein Frosch, ...

... der nach und nach ...

... zum Prinzen wurde, ...


... und ganz viel leckeres Essen und kolsyreholdige leskedrikker. Das lange Wochenende war wie zu erwarten viel zu schnell vorbei und für Franzi gings weiter nach Istanbul und Rhodos.

Ablösung war aber schon in Sicht - Omi und Opi sind noch am gleichen Abend in Torp gelandet und wurden von mir in Empfang genommen. Nach der ersten Nacht zu dritt in meiner Wohnung hat sich glücklicherweise gezeigt, dass meine Bedenken bezüglich des Schlafens auf dem Sofa völlig unbegründet waren. Viel interessanter war es über die Zeit durch bloßes Lauschen (und ohne optische Überprüfung) herauszufinden, wer von beiden da wohl gerade genüsslich den norwegischen Wald abholzt... :) Aber keine Sorge - und vor allem kein schlechtes Gewissen ihr zwei! Habe wirklich genug Schlaf bekommen und hatte außerdem eine wundervolle Woche mit euch! :*

Mit Omi und Opi auf dem Weg ins Zentrum von Skien


Ibsentreppe - eine der vielen "Sehenswürdigkeiten", die nach Henrik Ibsen, geboren in Skien, benannt sind


Traditionelle Holzhäuser im Brekkeparken


Gesichtsmasken - DAS Accessoire für einen ordentlichen Mädelsabend mit passendem Film


Ausflug nach Brevik...

... und von da aus mit der Fähre durch den Skjærgården.

Weil wir so unheimlich sympathisch sind, hat uns der nette Fährmann 2 Stunden lang umsonst durch den Fjord geschippert...

... vorbei an meinem zukünftigen Sommerhäuschen! :)


Sonntagsausflug nach Langesund


Und zum Schluss ein Bild für alle, die mich in letzter Zeit gefragt haben, ob es bei mir in Norwegen schon schneit...