Sonntag, 3. Oktober 2010

Auf Abschiedstournee durch den Herbst

Was für ein Tag! Mein letzter Sonntag hier in Skien, 15wöchiges Jubiläum meines Norwegenaufenthaltes und Tag der deutschen Einheit! Und da bald auch Dresden und ich wieder vereint werden, wird es Zeit für den wahrscheinlich letzten Blog-Eintrag von hier oben...

Zuerst mal zum "offiziellen Teil": Die letzten beiden Wochen habe ich in der Urologie verbracht. In Deutschland zählt die nicht zur Chirurgie, sondern gilt als vollständig unabhängige Spezialität, die man sich im PJ nur als Wahlfach, nicht aber für das Chirurgie-Tertial anrechnen lassen kann. Also pst! Nicht dem Landesprüfungsamt verraten! ;) Hier in Norwegen muss man zuerst Allgemeinchirurg werden, bevor man sich zum Urologen "subspezialisieren" kann. Und mir gibt das die Gelegenheit in ein Fach hineinzuschnuppern, dass ich eigentlich nie näher in Betrachtung gezogen hab. Tja, Urologe werde ich wohl trotzdem nicht... Auch wenn die Herren Urologen sich wirklich alle Mühe geben, mich von der Großartigkeit dieses Faches zu überzeugen. Am Donnerstag habe ich zum Beispiel an der ambulanten Sprechstunde eines der Oberärzte teilgenommen. Und beim 2. Patienten saß ich plötzlich auf seinem Stuhl und sollte Arzt spielen. Alles klar- einmal ins kalte Wasser bitte! Ging aber gut und der ganze Tag war super interessant, lustig und ein bisschen skurril. Während ein Patient unten ohne auf nem Gynstuhl sitzend darauf gewartet hat, dass ihm unter transrektaler Ultraschallkontrolle 10mal mit einer Biopsienadel in die Prostata geschossen (!) wird, haben sowohl Arzt und Schwester als auch der Patient selbst sich darüber kaputt gelacht, wie die kleine deutsche PJlerin brav jedes norwegische Schimpfwort nachgeplappert hat, was sie ihr abwechselnd vorgesagt haben...
Noch ein Sprechstunden-Highlight: Ein Patient kommt mit seiner Ehefrau zur Abklärung in die Poliklinik, nachdem beide seit etwa einem Jahr erfolglos versuchen Nachwuchs zu zeugen. Geburtsjahr des Patienten: 1989! Und ja, in dem Moment habe ich mich kurz etwas alt gefühlt. ;)
Ansonsten bin ich wieder viel im OP und trainiere meine Nähtechnik an Körperteilen, die ich wohl nicht allzu häufig auf den Tisch bekomme, sollte ich wirklich in die Gyn gehen. Am Dienstag war das zum Beispiel das beste Stück eines 19jährigen Patienten, der sich wegen einer Vorhautverengung beschneiden lassen hat. Und während ich mir - meiner gewichtigen Verantwortung voll bewusst - die größte Mühe gegeben habe, hat der Rest des OPs Witze darüber gemacht, wie lange man ihn jetzt krank schreiben müsste und dass das ja wohl abhängig vom Beruf sei. Also wenn er beispielsweise Callboy wäre ... hahaha...
Außerdem habe ich mir meine allererste Nadelstichverletzung zugezogen - was nicht meine Schuld als unschuldiger Assistent sondern die des Operateurs war. Also schön Blut abnehmen und sowohl mich als auch den Patienten auf ansteckende Krankheiten testen lassen. Ergebnisse sind auch schon da - Entwarnung! Das Ganze ist übrigens während der Begradigung einer Penisschiefstellung passiert... Ironie des Schicksals? Hab echt schon überlegt, ob mir das was sagen soll... ;)
Generell sind die Urologen wirklich ein sehr lustiges Völkchen. Muss man wohl auch sein, wenn man ständig auf - Achtung Insider! - auf "großer Hafenrundfahrt" ist oder aber nur etwa 10cm Zystoskop zwischen dem eigenen Auge und der Harnröhrenöffnung eines anderen Mannes hat. Und so hält man sich eben beim gemütlichen Waffel essen auf Station mit lustigen OP-Anekdoten bei Laune. Zum Beispiel die aus der Assistenzarztzeit eines der Oberärzte, der bei einer Gallenblasen-OP durch den übergewichtigen Operateur, der im genauso übergewichtigen Patienten angestrengt nach dem gesuchten Organ gefahndet hat, durch einen unbeabsichtigen aber dennoch beherzten Schubser über die so genannte "Blut-Hirn-Schranke" auf die Anästhesie-Seite befördert wurde. Dabei ist der gute Assistent nicht nur auf dem Anästhesisten gelandet und mit ihm weiter in Richtung Fußboden gesegelt, sondern hat es auch noch geschafft in den Beatmungsschläuchen hängen zu bleiben und den Patienten mit Schwung zu extubieren. Großartige Vorstellung! Ganz so actionreich geht es bei uns dann doch nicht zu...

Parallel zum Urologie-Unterhaltungsprogramm hatte ich letzte Woche nach längerer Pause mal wieder Besuch aus der Heimat. Schon vorletzten Donnerstag sind Carola und Stefan hier angekommen. Ich hatte mir den Freitag frei genommen und uns für das lange Wochenende einen fahrbaren Untersatz besorgt. An dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an Steinar, der sich extra ein anderes Auto geliehen hat, um uns seins zur Verfügung zu stellen! Und weil auch Denise und Philipp (die beiden Leipziger PJler) gerade Besuch hatten, sind wir am Freitag zu viert in nem kleinen roten Corolla in Richtung Kragerø getuckert. Kragerø liegt etwas weiter südlich an der Küste und ist eigentlich eine absolute Sommerstadt. Für hatte sie aber pünktlich zum Herbstbeginn dicke graue Wolken und eine kräftige Meeresbrise bereit gehalten - stimmungsvoll, stürmisch und ganz nach meinem Geschmack. Ich liiiiiiiiebe den Herbst! Erst recht an der See! Zuerst sind wir ein bisschen mit der Fähre durch den Skjærgården geschippert - draußen auf dem Deck, während die Wikinger alle drinnen im Warmen saßen.

Auf der Fähre


Ausgestiegen sind wir dann auf einer der größeren Schäreninseln und haben uns auf den Weg zu einem Fort aus dem 2. Weltkrieg gemacht. Nach einigem Suchen, ein bisschen ungeduldiger Skepsis von Seiten unserer Begleiterin Jana ("Meint ihr wirklich, wir sind hier richtig? Was ist denn, wenn wir uns nicht mehr zurück finden?" - wie ich sowas liebe!) und regelmäßigen Stopps zum Waldpilze einsammeln oder Gartenäpfel klauen auf malerischen Waldlichtugen, die direkt aus einem Kinderbuch von Astrid Lindgren stammen hätten können auch gefunden haben. Belohnt wurden wir mit einer wundervollen Aussicht über ganz Kragerø und Umgebung.

Wegzehrung vor dem Haus der "Brüder Löwenherz"

Aussicht vom "krikken kystfort" auf Skåtøy

So langsam wurde es dann auch Zeit für den Rückweg. Ausgerechnet jetzt musste es natürlich anfangen zu regnen. Und wie! Und so sind wir pitschnass und 5 Minuten zu spät für die 18Uhr-Fähre wieder auf dem Hauptweg angekommen. Da die nächste Fähre erst um 20.15Uhr fahren sollte und die Vorstellung etwa 2 Stunden in nassen Klamotten am Anleger zu stehen für uns alle nur begrenzt verlockend klang, haben wir uns auf den Weg zum Inseleigenen Gallerie-Café gemacht. Großartige Idee! Warmer Kaffee, gemütliche Umgebung und lustige Norweger, die ihren Tag damit verbringen an der Bar sitzend Kreuzworträtsel zu lösen und Kaffee mit Schuss zu trinken.

Endlich im Trockenen - Jana und ich freuen uns über den Hand-und-Magen-Wärmer

Skåtøy Kafé & Galleri

Die Zeit verging und trotzdem hat es draußen ohne Ende geschüttet. Bei jeder Bewegung haben uns die klammen Klamotten wieder daran erinnert, dass wir am liebsten nicht mehr nach draußen gegangen wären und die Vorstellung erst nach einer halben Stunde Fußweg die Fähre zu erreichen war alles andere als verlockend. Also habe ich einfach spontan und eigentlich eher halbherzig den Barmann gefragt, ob er nicht Lust hat uns zu fahren. Bevor der antworten konnte, hat sein Kreuzworträtsel-begeisterter Rasta-Bruder schon begeistert seine Dienste angeboten. Er meinte, er bräuchte sowieso ein bisschen Übung, wenn das irgendwann nochmal was werden soll mit dem Führerschein. Den hatte er also noch nicht - aha! Dafür aber ne ordentliche Kaffee-Baileys-Fahne... Egal, wir waren nass und verzweifelt und haben uns dann einfach mal auf das Urteil seines Bruders verlassen. Der hat ihm schließlich sein Auto anvertraut. Und was sollte auf einer Insel mit 250 Einwohnern schon groß passieren. Und der gute Kenneth hat sich auch echt gut geschlagen. Nur als er uns abgesetzt hatte und versucht hat am Berg wieder anzufahren, hatte er so leichte Schwierigkeiten. Aber nur bis er gemerkt hat, dass er vielleicht nicht den 4. Gang benutzen sollte...
Letztendlich sind wir dann völlig durchgefroren zu Hause angekommen und haben den Abend dann nach ausgiebigem heiß duschen mit selbst gesammelten Waldpilzen zum Abendessen ausklingen lassen.

Am nächsten Tag waren dann auch Philipp und Denise mit dabei und wir sind in Mini-Kolonne zur größten Norwegischen Stabskirche nach Heddal gefahren. Dabei handelt es sich um Holzkirchen aus der Wikingerzeit, die vom Baustil her an die Wikingerboote erinnern sollen. Leider konnten wir das Ganze nicht von innen bestaunen, da in Norwegen wohl ab Mitte September niemand mehr mit Touristen rechnet und demnach alle Sehenswürdigkeiten außerhalb Oslos geschlossen werden.
Carola an der Stavkirke in Heddal

Stefan zeigt ganzen Einsatz im Dienste der "forced perspective"

Nach einer ausgiebigen Fotosession ging's für uns also weiter über das Eplefest in Gvarv ein Stückchen weiter den Telemarkkanal hinauf zu dessen größter Schleusenanlage - der Vrangfoss Sluse.

Die 3 von der Schleuse
Man beachte die Vielfältigkeit unserer kleinen Gruppe - 3 Leute, 3 Haarfarben, 3 Augenfarben! :)

Zum Abschluss unseres Tourwochenendes sind wir am Sonntag nochmal zu den Wikingergräbern nach Mølen und ins Fischerdörfchen Nevlunghavn gefahren, dort über die Felsen gekraxelt und haben uns den Seewind um die Ohren pusten lassen.

Zwei, die sich bei ihrer ersten Begegnung total blöd fanden - damals in der 5. Klasse :)

Jana, Denise und Philipp am Grab eines unbekannten Wikingers

Auf dem Rückweg nach Skien haben wir noch einmal angestrengt Ausschau nach Elchen gehalten, aber trotz vielversprechender Schilder, die alle paar Kilometer am Straßenrand auftauchten, hat sich keiner sehen lassen... Unglaublich, dass ich nach 4 Monaten hier in Norwegen wohl nach Hause kommen werde ohne auch nur einen einzigen Elch gesehen zu haben... :(

In Ermangelung echter Elche muss das Bildmaterial eben gefälscht werden

Und damit war das Wochenende dann auch vorbei und für mich hieß es wieder ab in die Uro! Carola und Stefan haben in der Zeit fleißig die Umgebung erkundet und sind durch Skien gestreift, mit dem Zug ins ca. 80km entfernte Tønsberg gefahren und durch den Skjærgården vor Brevik geschippert. Abends haben sie mich mit leckeren Mahlzeiten verwöhnt und ich hab mich bedankt indem ich sie mit dem Glee-Virus infiziert habe. :D Ähnliches habe ich übrigens auch mit meinem Schwesterlein vor! Also Julchen, freu dich auf eine wundervolle US-Serie mit gaaaaanz viel Musik, bei der jede Folge ein breites Grinsen auf dein Gesicht zaubert.

Am Mittwoch konnte ich früh nach Hause gehen, was uns die Gelegenheit zu einem etwas ungewöhnliches Freizeit-Sport-Erlebnis gegeben hat. Und damit ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt zur Auflösung des Rätsels gekommen:

Frisbee-Golf im norwegischen Wald, ganze 18 "Loch" mit Par-Angabe und allem Drum-und-Dran


Und während wir uns nur mit der Grundausstattung (je einem Frisbee für long distance, middle distance und putt&approach) durch den Wald geschlagen haben, schleppen die Profis (und ja- die gibt es in diesem "Sport" tatsächlich!) riesige Rucksäcke voller Frisbees für die verschiedensten Bedingungen mit sich herum.
Was soll ich sagen: Ich werde wohl kein Profi mehr! Habe haushoch verloren und wurde noch dazu fies von Stefan gefault, der einen der Körbe wohl mit meinem rechten Handgelenk verwechselt haben muss... Aber mal sehen! Carola hat die ganze Zeit geredet, dass sie "sowas unbedingt in Deutschland installieren" will... Vielleicht haben wir ja alle bald ganz viel Gelegenheit zum üben.

Abgesehen vom Aktiv-Programm dreht sich auch hier in Norwegen eigentlich alles nur ums Essen... ;)

Carola auf dem "Eplefest" in Gvarv

Denise und Philipp mit leckeren Telemark-Sveler, dicken Eierkuchen mit Sauerrahm und Apfelmus

Norwegisches 3-Gänge-Menü: (leider angebrannte) Fischsuppe, Reke-Smørebrød mit Mayo und Zitrone (vor allem Stefan war begeistert vom Krabben pulen...) und süße Rømmegrøt (sowas wie Grießbrei, Stefan war versöhnt!)

Um zu überprüfen, ob eine geöffnete Miesmuschel noch lebt und damit noch genießbar ist, schlage man sie entweder auf eine harte Unterlage oder ertränke sie in kaltem Wasser und beobachte, ob sie sich daraufhin von selbst schließt... Und trotzdem: Mit Liebe wird gekocht!

Blåskjell i hvitløk-hvitvin-tomat saus (die fertigen Miesmuschel in Knoblauch-Weißwein-Tomatensoße)

Am Freitag sind Carola und Stefan wieder abgereist - genau 1 Woche bevor es auch für mich Abschied nehmen heißt - zumindest von Skien.
Da ich Skien selbst jetzt ganz gut zu kennen glaube, habe ich meinen letzten Samstag hier dafür genutzt nach Tønsberg zu fahren - der ältesten Stadt Norwegens, gelegen am Westufer des Oslofjordes. Highlights sind wohl der Schlossberg mit Aussichtsturm, auf dem jeden Sommer das "Slottsfjell-Festival" stattfindet, sowie zahlreiche Kirchenruinen und Wikingergräber, die über die ganze Stadt verteilt sind.
Mich hat es allerdings ein bisschen weiter nach Süden gezogen: auf einer der Schäreninseln, die vor Tønsberg im Oslofjord liegen. Auf der Insel Tjøme befindet sich nämlich ein ganz besonderer Ort, dessen Name - wenn auch nicht ganz wörtlich genommen - so doch aber irgendwie symbolhaft auf mich wirkt:

"Verdens ende" - das Ende der Welt


Es ist wohl an der Zeit, sich so langsam von Norwegen zu verabschieden.

Und das werde ich gebührend tun - wie schon so oft mit einem lachenden und einem weinenden Auge! Zusammen mit Mama und Bjarne geht es nächsten Freitag mit dem Nachtzug nach Bergen und dann über Oslo zurück nach Hause. Dresden - ich freu mich auf dich!

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